Sonntag, 22. April 2012

Examen

Mittwoch hatte ich es geschafft. Ich war durch! Puh.

Zum Ende eines jeden Terms (drei an der Zahl gibt es im Jahr - Trimester passt also gut) stehen die Examen an. Das waren nun sieben Tage, die sich nur darum drehten – sowohl für die Schüler als auch die Lehrer. In jedem Fach wurde eine Arbeit geschrieben. Also eine große Anforderung für die Schüler, die ganze Woche mit frischem Kopf dabei zu sein. Die Form Four-Schüler hatten nun noch keine Examen, da diese sich auf ihre Abschluss-Examen vorbereiten müssen. Danach kann es für sie an die Uni gehen.

Für die Lehrer wurde es auch anstrengend. Unsere Aufgabe war es zuerst, die Schüler während der Examen zu bewachen. Dazu hatten wir im Vorfeld von der Schule einen Plan bekommen, aus dem zu ersehen war, wann man selber Aufpasser sein durfte. Ich kam in dieser Zeit neun mal dran, manche sogar 13 mal. Im vorletzten Satz Satz hatte ich geschrieben, dass ich "Aufpasser sein durfte" und durfte ist auch ernst gemeint, brachte es doch wieder etwas Abwechselung in den Schulalltag. Beim Examen am Ende des ersten Terms war ich ja zu Beginn noch mit jeweils einem anderen Lehrer in der Klasse, diesen Term wurde immer ein Lehrer pro Klasse eingeteilt.

Das Lehrer--Einteilungs-Blatt

Als Lehrer findet man sich dann zu der entsprechenden Zeit im Lehrerzimmer ein und nimmt sich den Stapel mit den Frage- Antwort-Blättern. Außerdem ist auf dem Packen vermerkt, in welchen Klassenraum man gehen muss. Das kann dann z. B. "Almighty Block 6", "Staff Block 2" oder auch der "Uncompleted Block" sein. Der Almighty-Block ist der, in dem auch unser ICT-Raum untergebracht ist, der Staff-Block beherbergte bis vor ein paar Wochen auch das Lehrerzimmer (nun sind wir  in einen schicken Neubau umgezogen), doch der Name ist geblieben, und der Uncompleated-Block wird später mal mindestens zwei Zimmer im Erdgeschoss haben, noch gibt es aber nur das Fundament, Stützpfeiler und darüber wieder eine Beton-Decke. Genug um nicht in der Sonne sitzen zu müssen, aber trotzdem dort schreiben zu können.

Der Staff-Block (kurz bevor die Straße asphlatiert wird)
Im Uncompleted-Block
Die meisten Schüler warten dann schon darauf, dass ein Lehrer kommt, doch ist zu Beginn immer noch viel Gewusel, da dann manchmal erst damit begonnen wird, die Rucksäcke rauszubringen, da diese während der Arbeiten nicht am Platz sein dürfen. Ich gebe dann eine Liste rum, in der jeder Schüler sich mit Namen, Klasse (es sind oftmals Schüler mehrerer Klassen in einem Raum für die Examen), Schüler-ID und Unterschrift verewigen muss. Die leeren Antwortblätter lasse ich auch schon verteilen. In der Zwischenzeit zähle ich die Arbeiten ab, so dass ich danach zügig die benötigte Anzahl an Blättern in jede Tischreihe geben kann. Dann kann es losgehen. 1,5 oder auch drei Stunden. Nach dem Start kann es auch passieren, dass noch einzelne Schüler in den Klassenraum kommen und verzögert starten.

Zu Beginn läuft es immer sehr gesittet ab, das ist sehr angenehm. Mit der Zeit versuchen aber doch Schüler, sich auszutauschen. Das ist besonders für den ersten Teil der Arbeit einfach, da dort üblicherweise immer 30-40 Ankreuzaufgaben gestellt werden und ein kurzes "d" saust dafür schneller von A nach B, als für den zweiten Teil des Examens, bei dem es sich eher um Aufgaben handelt, die man in Textform beantworten muss.

Es reichte für den Moment, wenn ich die entsprechenden Schüler einfach anzischte und sie dann wussten, dass ich sie gesehen hatte. Oder ich musste die gesamte Klasse zur Ruhe mahnen. Wenn manche doch zu gesprächig waren, sagte ich ihnen, dass sie sich hinstellen sollten. Auf den Stuhl. Für die anderen Schüler war das immer sehr lustig zu sehen, für den Stehenden wurde es dann schwieriger mit dem Schreiben, da das dann in der Luft zu machen war. Nach fünf bis zehn Minuten durften sie sich wieder hinsetzen. Diese Schüler waren dann auch wieder angenehm ruhig, doch hatte es nicht so sehr den abschreckenden Effekt, so dass manchmal mehrere standen. Das sah auch mal eine Lehrerin, und sie fragte die Schülerin, nachdem sie in der Klassenraum gekommen war (die ja eh immer auf sind), was sie denn dort machen würde, da sie wohl Angst hatte, dass sie so abschreiben wollte. Ich sagte ihr jedoch, dass das so schon seine Richtigkeit hätte. Es kam noch ein anderer Lehrer hinzu und sie entlarvten dies nun auch als Anti-Schummel-Maßnahme. Der Schüler auf dem Stuhl tat mir dann schon etwas Leid, als er hörte, dass das ja peinlich sei dort zu sein und außerdem machten die Kollegen noch Fotos mit ihren Handys von ihm. Er kam mir wie am Pranger vor.

Während der ersten Examen-Woche musste ich die Arbeiten von drei Schülern einkassieren, da sie doch arg gespickt hatten und Blätter untereinander ausgetauscht hatte. Das war mir sehr unlieb. Ein Schüler blieb danach lethargisch sitzen, ein anderer lief zornig aus dem Klassenraum. Später erfuhr ich, wie sich die Note für das Zwischenzeugnis bildet. 30% kommen durch Hausaufgaben und Klassentests zustande, 70% steuert das Examen bei. Hmpf.

Manche anderen Lehrer unterhielten sich während ihrer Aufsicht auf dem Gang und verließen somit ihre Klassen. Was dann in der Klasse los sein musste, konnte eich mir gut vorstellen :)

Bei meinem letzten Examen für diesen Term war RME (Religious Moral Education) dran. Der Raum, in den ich kam, war so voll, dass sogar einige Schüler draußen auf dem Gang Platz nehmen mussten (was allerdings nicht so ungewöhnlich ist). Ich hörten dann von einem anderen Lehrer, dass wir in einen größeren Raum wechseln sollten und so schickte ich die Schüler zu dem Raum, der allerdings doch schon belegt war und daraufhin suchten sie selber einen anderen. Der war nicht größer, aber im Laufe der Suchaktion hatte ich einige Schüler verloren, so dass wir mit dem Platz nun gut auskamen :) Die anderen waren wohl in anderen Klassen untergekommen. Bei dieser Arbeit (für die 1,5 Stunden angesetzt war), bekam ich von einem Mädel nach 20 Minuten deren Arbeit. Huch, die wusste wohl nicht so viel. Oder die Arbeit war sehr einfach. Nach 30 Minuten war kein Schüler mehr im Raum und alle hatten abgegeben.

Danach kam der anstrengende Teil für die Lehrer. Korrigieren! Die Ankreuzantworten kann man zwar an sich einfach abhaken, doch hat man nach ein paar Blättern schon Brei im Kopf. Der zweite Teil ist mit manchen Aufgaben auch leicht zu bewerten, doch muss man sich dabei mehr mit den Antworten befassen, was das ganze sehr langwierig macht. Ich hatte durch meine drei Klassen die ich unterrichte, geschätzt 180 Arbeiten zu korrigieren, was nicht so viel klingt, mich aber doch mehrere Tage beschäftigt hat. Im letzten Term hatte ich gesehen, wie andere ICT-Lehrer die Antworten für Teil eins an die Tafel geschrieben hatten und dann Schüler einer anderen Klassenstufe diesen Teil korrigieren ließen. Das fand ich keine gute Sache. Die Hälfte meiner Arbeiten hatte ich nun schon korrigiert und ein Kollege meinte, dass ich meine restlichen Arbeiten auch an die Schüler geben sollte. Das fand ich auf der einen Seite immer noch nicht gut, andererseits war ich doch sehr froh über die Hilfe, da so die andere Hälfte in etwa 40 Minuten bearbeitet worden war, wobei ich dafür mehrere Stunden (und Tage - nach der Schule) gesessen hätte. Teil zwei musste dann zwar immernoch   bearbeitet werden, aber trotzdem war es eine große Erleichterung.

Alle Ergebnisse trug ich in eine Tabelle ein. Denn deren Anschlussnoten (die 30% + 70%) mussten bis zum 18. April in der Schule in ein Buch eingetragen werden. Ich rechnete mit einer Stunde für alle meine Schüler. Nach mehr als drei Stunden hatte ich die Hälfte. Am darauf folgenden Tag konnte ich nicht gleich weitermachen - es kam wieder hoher Besuch aus der fernen Heimat, mit dem ich die ersten Tage in Accra verbrachte. Somit konnte ich erst am letzten Tag zum Abschluss kommen (wie vermutet waren heute auch mehr Lehrer da). Ich war durch! Puh. Ferien.

Montag, 9. April 2012

Krankenhaus oder liegen lassen?

Vor ein paar Tagen war ich bei ein paar anderen Freiwilligen und wir verbrachten einen gemütlichen Nachmittag mit ein paar leckeren einheimischen Früchten und weiterem Essen. Mein kleinster Gastbruder und ein Mädel, welches ebenfalls mit bei uns im Haus wohnt, waren mit mir dort.

Wir machten uns später zu dritt wieder auf den Heimweg. Nicht weit von dem Haus der anderen Freiwilligen sahen wir jemanden auf der Straße liegen. Es ist so, dass rechts und links der Straße üblicherweise die Abflusskanäle sind, in die man bei Unachtsamkeit auch hineinfallen kann (das hat ein anderer Freiwilliger schon geschafft und ebenso stand vor kurzem in der Zeitung, dass das auch einem Politiker passiert war). Am Rand der Straße und knapp neben dem Kanal lag ein Junge von etwa 15 Jahren. Er lag dort und machte keinen guten Eindruck. Andere Passanten erklärten mir, dass er verrückt sei und damit hatte es sich für sie. Ich schaute ihn mir genauer an und sah eine Wunde mit Blut an seiner Wange, ebenso eine am Bein und am Knöchel. Ebenso hatte er sich eingenässt. Ansprechbar war er nicht, jedenfalls reagierte er nicht auf mich, was ich gut an seinen Augen sehen konnte. Ich fühlte mich etwas überfordert und auch alleine in der Situation, da ja sonst niemand dafür zu haben war, sich mit mir um den Jungen zu kümmern.

Zum Glück war keine 100m entfernt ein Krankenhaus. Ich erklärte meinen beiden Kindern eindringlich, dass sie  bei dem Jungen bleiben sollten, schwang mich aufs Rad (das habe ich mir hier von einem Freund (und ebenfalls Schülers meiner Schule) meines ältesten Gastbruders ausgeliehen). Im Krankenhaus fragte ich nach einem Arzt. Es war keiner da, doch konnte ich einer Krankenschwester mein Anliegen schildern. Sie nahm es zur Kenntnis, zeigte aber auch nicht so viel Motivation, sich um den Jungen zu kümmern zu wollen. Sie fragte, wo er wäre und ich sagte ihr, dass man ihn vom Krankenhaus-Tor aus sehen könnte. Ich lief dorthin voraus und sie kam in Ruhe hinterher. Besonnen zu handeln mag sicher gut sein, doch schien mir dass hier nicht der Grund der Langsamkeit zu sein. Als wir dort standen kam außerdem noch ein Krankenpfleger des Krankenhauses hinzu, so dass ich erneut der Vorfall schilderte. Ich erwähnte ebenso, dass er alle paar Minuten zu zittern und zu verkrampfen begann, was mir dann mit Epelepsie erklärt wurde. Zwei Männer waren außerdem zu uns gekommen und erklärten mir, warum es schwierig werden würde, sich um den Jungen zu kümmern. Der Grund wäre nämlich, dass dann jemand die Kosten für die Behandlung tragen müsste und die dann auf den Helfer zukommen würden, wenn man von der hilfebedürftigen Person nichts bekommen könnte. Jedenfalls kamen sie nicht mit mir zu dem Jungen und ich wollte auch nicht ins Blaue zusagen, die Kosten zu übernehmen.

Ich fuhr wieder zu dem Jungen, schickte meine Begleitungen nach Hause und fuhr zu dem Haus unserer Partnerorganisation nicht weit entfernt, da ich nun nicht wusste, wie ich weiter vorgehen sollte. Ich sagte den beiden Krankenhausmitarbeitern etwas missmutig im Vorbeifahren "Me ba" (bedeutet so viel wie: ich komme wieder).

Der Mitarbeiter der Organisation war leider nicht da, doch konnte ich mit seiner Frau sprechen. Sie Verstand sehr wohl, dass es mein Anliegen war, irgendwie zu helfen, konnte mir aber nichts Neues sagen. Die Leute unternehmen halt nichts wegen des Geldes, aber auch bei Leuten die "verrückt" sind. Ich sollte nach Hause gehen.

So einfach konnte ich die Sache aber nicht auf sich beruhen lassen. Ich fuhr wieder zurück und traf unterwegs eine andere Freiwillige, die ich über den Vorfall informierte. Es tat mir einerseits Leid, sie da mit hineinzuziehen, war aber andererseits auch froh nun jemanden zu haben, der die Sache ebenso wie ich sah.

Wir gingen zusammen zu dem Jungen und ich versuchte wieder mit ihm zu sprechen, doch reagierte er weiterhin nicht auf meine Ansprachen. Dafür sammelten sich nun wieder mehr Schaulustige um uns an. Diese wurden von der anderen Freiwilligen "angesprochen" (wenn man es weich formulieren möchte), wie sie denn denn nicht helfen könnten.

Einige ratlose Zeit und Anfälle des Jungen später kamen wir zu dem Schluss, es doch doch einmal mit dem Krankenhaus zu versuchen. Er durfte nun kommen; eine Trage gab es nicht, so dass ich ihn zum Krankenhaus auf meinen Armen trug. Es war besprochen worden, dass nur die Wunden gesäubert und er gewaschen werden sollten. Während der Zeit gingen wir Freiwilligen los und versuchten neue Kleidung für den Jungen zu besorgen. So gab es neue Wäsche und nun auch Flip-Flops. Den beiden Krankenschwestern (der Pfleger nannte sich auch "nurse") brachten wir als Dankeschön noch Eis mit.

Da wir nicht mit der Idee einverstanden waren, den Jungen einfach wieder auf die Straße zu setzen, schlug der Pfleger vor, auf die Straße zu gehen und uns umzuhören, ob ihn jemand kennen würde. Bei der zweiten Person wurden wir schon fündig. Die Frau brachte und durch einen 10-Minuten-Marsch zu der Familie des Jungen. Große Bestürzung konnte ich bei der nicht feststellen. Die Mutter bedankte sich ohne weitere Emotionen. Ihre Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen standen daneben. Ein Junge und eine Schwester des Jungen begleitete uns, ihn abzuholen. Die (jüngere) Schwester trug ihn dann ebenso wie ich auf den Armen fort und es hieß, dass man ihn nicht mehr hinauslassen würde. Das mag sicher vor solchen Dingen wie heute schützen, ob das gut ist, ist aber auch fraglich. Ich war erstaunt, dass das Mädchen den Jungen den ganzen Weg tragen wollte, war er doch um einiges länger als mein Trageweg und selbst da wurde er mir schon schwer.

Ein paar Tage nach diesem Vorfall sprach ich nun doch noch mit dem Ansprechpartner meiner Partnerorganisation und er erklärte mir, dass die Ghanaer eigentlich immer schnell zur Stell sind, wenn bei Unfällen oder so geholfen werden muss. So hatte ich mal erlebt, wie ein Mädchen auf die Straße und dabei gegen die Seite eines fahrendes Autos gelaufen ist. Sie lag dann kurz auf der Straße und wurde sogleich von umstehenden geschnappt und in das Auto verfrachtet. Der Fahrer brachte sie zum Krankenhaus. Auch ansonsten wir einem gerne geholfen, wenn man Hilfe braucht.

Für die kleine Behandlung im Krankenhaus mussten wir nichts bezahlen. Ob es daran lag, dass wir Weiße waren, mag sein, doch weiß ich es nicht. Oder daran, dass die andere Freiwillige noch einmal im Krankenhaus nachgefragt hatte. Der Pfleger ließ sich später gerne noch ihre Nummer geben. Meine auch, doch wohl eher aus Höflichkeit – jedenfalls hatte er sich bei mir noch nicht gemeldet :)

Samstag, 24. März 2012

OSM, die Palme fällt

Was war das erste, was ich gemacht hatte, als ich erfuhr, wohin mich mein Freiwilligendienst verschlagen würde? Klar, ich wollte ja wissen, wo mein Einsatzort überhaupt liegt, daher flux mal GoogleMaps aufgerufen, Agona Swedru Ghana eingetippt und - nichts gesehen. Nur einen Punkt im Nirgendwo, welcher mit dem Ortsnamen bezeichnet war. Das half also nicht viel weiter.

Hier vor Ort kam vor einiger Zeit die Idee von einem Mit-Freiwilligen auf, dass man ja selber eine Karte von unserem Ort anlegen könnte. Genau für sowas gibt es schon ein Projekt vieler Freiwilliger auf der ganzen Welt, die daran mitarbeiten, alles mögliche zu kartografieren. Dieses Projekt nennt sich OpenStreetMap (OSM) und es ist mit einem Wikipedia für Karten zu vergleichen, so dass viele Leute daran mitarbeiten und somit beispielsweise auch Fehler beheben können. Der Vorteil einer solchen Karte im Gegensatz zu GoogleMaps ist, dass die Inhalte unter einer freien Lizenz stehen und das auch immer bleiben werden, so dass jeder diese Daten frei nutzen kann.

Das war eine interessante Idee und so beschäftigten wir uns damit, uns zu informieren, wie das ganze praktisch abläuft. Zuerst einmal müssen die einzelnen Straßenzüge, Wege, Flüsse und weiteren nötigen Daten erfasst werden, dann werden sie am Computer entsprechend markiert (Handelt es sich bei der aufgezeichneten Linie nun um eine Straße oder einen Fluss?) und mit weiteren Informationen versehen werden (Wieviele Spuren hat die Straße? Ist sie asphaltiert?). Die Daten-Erfassung erfolgt dadurch, dass man mit einem GPS-Logger oder beispielsweise einem Handy mit GPS-Empfänger alle zu verzeichnenden Strecken abläuft und diese von den Geräten aufzeichnen lässt. Praktisch ist es natürlich, wenn man in einem Auto irgendwo hinfährt und so sehr einfach weitere Strecken aufzeichnen kann.

Aufgezeichnete Strecken im Editor
Im Auftrag der Karte war ich nun die letzten beiden Tage wieder in der Stadt unterwegs. Was sich in meiner Nähe befindet habe ich schon in einer Richtung ganz gut abgedeckt, doch wollte ich mich nun auch noch um andere Bereiche kümmern.

Ich lief eine Straße lang und sah ganz viele Weiße in einem Spot sitzen. Ach ja, da ist ja mittwochs immer der Obroni-Treff :) So traf ich dort auch ein paar bekannte Gesichter und gesellte mich kurz zu ihnen. Danach ging es weiter. Nach ein paar hundert Metern waren die Straßen nicht mehr asphaltiert. Ich folgte dem Hauptweg. Es brachte mich immer ein bisschen in die Bredrouille, wenn ein Weg abzweigte, doch hatte ich oftmals Glück, dass diese nicht immer weit führten, sondern nur eine Zugangsstraße zu ein paar Häusern waren.

In der Nähe hörte ich bald Motorsägengeräusche. Ich schaute auf und sah, wie nicht weit entfernt eine Palme fiel, fiel, fiel, bums. Hei, interessant :) Ich suchte mir einen schmalen Gang zu dem Gelände und wurde gleich von vielen Leuten in Empfang genommen. Ein paar der arbeitenden Männer boten mir gleich eine Kokosnuss an, auf die ich aber verzichtete, so dass sie weiter ihrer Arbeit nachgingen und die Palme in kleinere Stücken zerteilten. Außerdem waren dort mindestens 15 Kinder, die ebenfalls an dem Spektakel Interesse hatten und sich, nachdem die Palme gefallen war, an die Kokosnüsse gemacht hatten, sie aufschlugen und die Kokosmilch tranken. Sie boten mir auch wieder welche an. Nun ließ ich mich nicht länger bitten und ließ mir auch eine öffnen und trank sie. Danach wurde sie weiter mit der Machete aufgeschlagen, so dass ich das Fruchtfleisch essen konnte. Ich begann mit der linken Hand, das Fleisch zu lösen und hörte dabei eines der Kinder etwas von "left" sagen. Huch, stimmt, das macht man ja nicht. Die linke Hand wird hier eher für den Toilettengang und ähnliche Dinge verwendet; beim Essen hat sie nichts zu suchen. Ich wechselte daraufhin zur rechten und vernahm dann auch gleich etwas im Sinne von "ah, nee, doch rechts".

So standen wir ein bisschen zusammen und redeten miteinander. Die Kinder waren etwa 5-14 Jahre alt. Ich fragte, ob noch mehr Palmen gefällt werden würden, was aber leider nicht der Fall war - Fotos gibt es somit nicht davon. Ein Kind wusste, dass ich Lehrer an meiner Schule bin. Das ist ja ein Ding. Es hatte mich mal in unserem Schulbus gesehen. Hm, und ich dachte, wir Weißen sehen alle gleich aus. Ich wurde gefragt, ob ich singen könnte, doch meinte ich, dass mein Gesang schrecklich wäre. Kurze Zeit später weinte auch ein kleiner Junge in der Nähe und ich sagte, dass das auch so wäre, wenn ich singen würde. Das wollten sie aber nicht gelten lassen und drängten mich weiter. Hm, na gut. Doch was sollte ich nur singen? Überleg, überleg. Deutsch sollte es ja schon sein, dass hatten sie sich gewünscht. Etwas von der Ärzten? Nee. Ich entschied mich für Bruder Jakob. Es war schon ein komisches Gefühlt, ihnen etwas vorzusingen, doch hörten alle gespannt zu. Als ich fertig war, meinte ein kleines Mädel, dass es doch schön war. Ein anderes begann damit, das Lied auf englisch zu wiederholen (Brother John, brother John...). Das kleine Mädel wollte dann auch etwas singen, brach aber wieder ab, nachdem ich nach ihrem Beginn „By the rivers of“ mit „Babylon“ eingestiegen war. Sie hatte mir wohl gerne etwas mir unbekanntes präsentieren wollen. Ein Junge wollte dann etwas in Fanti vortragen, doch hatte er den Text nicht mehr ganz im Kopf und musste darüber nachdenken, allerdings wurde er und einige andere Kinder in der Zeit auch wieder nach Hause gerufen, so dass ich das nicht mehr erleben konnte.

Ich ging dann auch wieder und wurde noch von einem Mädel begleitet. Wir kamen an einem Mann und einer Frau vorbei und er begrüßte mich mit „Ca va?“. „Merci, ca va bien. Et trois?“ Nach ein paar weiteren Worten musste ich mich aber doch geschlagen geben, was ihn aber nicht aufhielt, weiter französisch zu sprechen. Dabei verstand ich aber doch, dass die Frau seine Frau ist. Sie holten gerade an einem Brunnen Wasser. Wir unterhielten uns trotzdem so gut es ging und auch ein bisschen auf englisch, bis ich mich wieder verabschiedete, da ich noch einen kurzen Weg für die Karte aufzeichnen wollte und es langsam dunkel wurde. Als das mich begleitende Mädel und ich wieder zurückkamen, verabschiedete ich mich mit „Au revoir."“

Ich wollte nun also wieder nach Hause, das Mädel war weiterhin bei mir und so redete ich ein bisschen mit ihr über ihre Schule. Unterwegs trafen wir einen jungen Erwachsenen, der sich als ihr Bruder vorstellte und mit dem ich ein paar Worte wechselte. Später trafen wir noch einen Bruder. Komische Sache. Der wollte gerne meine Handynummer haben, doch konnte ich das immer nur mit "dabi" verneinen. Dem Mädel sagte ich auch, dass ich den Weg nun alleine finden würde, doch wollte sie noch etwas weiter gehen, da sie mit mir noch zu ihrer Mutter gehen wollte, die in der Nähe der Straße war. Sie arbeitet als jemand, der sich darum kümmert, dass die Frauen hier immer wieder mit einer anderen Haarpracht herumlaufen können (Frisörin wäre da nicht die richtige Beschreibung – Hair-Dresser könnte vielleicht passen). Mit ihr redete ich auch ein bisschen.

Das Mädel ging weiter mit mir mit - sie wollte gerne mein Haus sehen. Das war mir allerdings doch nicht so lieb und so sagte ich ihr erneut, dass ich von nun an gerne alleine weitergehen würde. Ich durfte.

Zuhause baute ich dann gleich meine Aufzeichnungen in der Straßenkarte ein. Es ist vorteilhaft, wenn das zügig danach gemacht wird, da man sich so noch an Besonderheiten erinnern kann.

Die Bearbeiten-Karte im Editor
Danach ging es für mich an die zweite Dusche des Tages (zwei Duschen pro Tag sind hier sehr angebracht). Gestern Abend hatten wir kein Wasser im Haus. Da duschte ich mich dann mit dem Eimer und dachte mir, dass kein Wasser schlimmer wäre als kein Strom. Heute hatten wir wieder Wasser aber dafür abends keinen Strom. Das war mir dann auch wieder nicht recht :)

Ich fand diesen Spaziergang sehr schön, da ich es nett fand, mit der Leuten und Kindern unterwegs zu reden. In der belebten Stadtmitte wird man zwar auch angesprochen, doch fand ich es etwas außerhalb entspannter und angenehmer. Wie gesagt: das waren schöne Erlebnisse :)

Und so sieht die Karte dann auf der OSM-Webseite aus. (Die Strecke, die ich gelaufen bin, zweigt von der oberen roten Straße nach links ab.)

Montag, 12. März 2012

Der Botanische Garten von Aburi

Endlich habe ich es geschafft, in den Botanischen Garten zu kommen. Der liegt im Ort Aburi und soll laut Reiseführer 32 km von Accra entfernt sein.

Ich brach dieses mal extra früher von meinem Hostel auf – ich wollte ja nicht wieder zu spät zur Trotro-Station kommen und keinen Wagen abbekommen.

Ich lief wieder die Strecke wie schon die Woche zuvor – und wurde wieder durch andere interessante Dinge aufgehalten... Im Stadion gab es mal wieder ein Programm: die Generalprobe für den 6. März, der Ghanas Unabhängigkeitstag ist. Doch dazu mehr in einem anderen Eintrag. Außerdem sah ich auf meinem weiteren Weg zur Trotro-Station mehrere Leute auf der Straße, welche in einen Gulli guckten. Das schien mir spannend zu sein und so half ich ihnen :) Einem der Personen war das Handy hineingefallen und sie versuchten, es wieder herauszubekommen. Ich gab ein paar kluge Tipps ab, die aber nicht weiter verfolgt wurde. Schließlich gelang es ihnen, das Telefon zu befreien. Und auf diesem Weg hätte das zu Hause wohl nicht geklappt: Einer der Stöcker, die sowieso schon für die Rettung von einem Baum abgedreht worden waren, wurde an der Spitze mit einer Machete eines helfenden Kokosnuss-Verkäufers gespalten und das Handy im Gulli zwischen den beiden Enden eingeklemmt. So einfach kann es sein!

An der Station steuerte ich zielsicher die entsprechende Haltestelle an; ich kannte mich ja schon aus. Ich sollte mich anstellen. Das bedeutete dann über eine Stunde Wartezeit in der gemütlich knallenden Sonne (wie gut, dass ich mein noch feuchtes Handtuch als Sonnenschutz verwenden konnte). Nach etwa der Hälfte der Zeit kamen zwei junge Männer und stellten sich vor mich in die Schlange und ich fragte sie, ob sie sich nicht hinten anstellen wollten, aber sie meinten, dass sie schon da gewesen wären, aber etwas essen waren. Aha, interessantes System.

Mit dem Bus ging es schließlich in die Berge (von wo aus man auch einen weiten Blick über Accra hatte) und landete schließlich in Aburi. Mein Reiseführer teilt mir mit, dass dort 1890 eine Forschungsstation für die Landwirtschaft von britischen Kolonialbeamten eröffnet wurde und an dieser Stelle nun der Botanische Garten ist. Es soll imposante Bäume, viele Vögel und Schmetterlinge geben. Ja, nein, nein.


Ich verbrachte etwa zwei Stunden auf dem Areal. Die imposanten Bäume waren wahrlich imposant. Das wäre es sicher noch mehr gewesen, wenn ich die Bäume besser kennen und auseinanderhalten könnte. Aber auch für mich als Laien waren es interessante Gewächse und es gab zu den Bäumen auch immer eine Beschreibung und die lateinische Bezeichnung, so dass auch Profis mehr davon haben.


Ich habe einen Polizisten-Baum entdeckt: "Stopp! Da lang!"
Schmetterlinge und Vögel habe ich auch gesehen, aufgrund der Beschreibung hätte ich aber mehr erwartet. Das klappt hier irgendwie noch nicht so recht mit dem Sichten von Tieren... :( In eine Baumspalte habe ich aber einen, öhm, großen Tausendfüßler gesehen, mit dem meine Kamera und ich mich beschäftigten.

Ein Stachel am Baum.


Ich fand es ja ganz toll, dass es Schilder in dem Garten gab, die darauf hinwiesen, dass der Müll in entsprechenden Tonnen entsorgt werden sollte. Und das klappte auch erstaunlich gut – viel Müll lag wirklich nicht herum. Etwa vier große Gruppen Ghanaer sah ich im Garten, die dort picknickten. Eine  Gruppe hatte auch – ganz ghanaisch – laute Musik mit einem Computer und einer doch verhältnismäßig großen Box dabei und beschallte sich und die Umgebung. Vielleicht war auch das der Grund, weshalb ich so wenige Tiere sah.

In einem Bereich auf dem Gelände ging ich einen schmalen Weg zwischen Bäumen lang. Es war zwar wie gesagt auf dem Gelände, durch diese kleine Gasse machte der Bereich dahinter aber doch nicht wirklich den Eindruck, als gehöre er dazu. Beschreibungen gab es dort auch nicht mehr. An einer Stelle sah es aus, wie auf einer Plantain-Plantage. Und was brauchen Plantains zum Wachsen? Kunststoff natürlich. Unter den Pflanzen lagen viele leere Trinkbeutel und daneben gab es eine Müllkippe. Sollte dies der Ort für die gefüllten Mülltonnen des Parks sein? Einfach ausgedrückt, wäre das echt schade. Dafür sah ich auf einem anderen Weg, den ich wieder in den offiziellen Bereich wählte, schöne Blüten an Büschen.

Muss das da so unverhofft herumliegen?

 

Spannend war zum Ende noch ein alter Hubschrauber, der im Park vor sich hinvegetierte. Zu ihm gab es leider keine Beschreibung, interessant war er aber auch ohne. Als ich gerade hinging, kletterten ein paar Kinder darauf herum, bis ein Parkranger auf seinem Motorrad ankam und sie davon verscheuchte. Schön, so konnte ich auch besser Fotos schießen – bis wieder ein Junge kam, der darauf herumkletterte. Statt danach aber wieder herunterzusteigen ist er heruntergefallen, aber ohne Probleme auf den Füßen gelandet.



Nach meinem Besuch ging ich wieder an den Ort zurück, wo mich zuvor das Trotro ausgeladen hatte. Es standen ein „paar“ Menschen in einer Schlange und vorne wurde gerade ein Trotro mit Menschen beladen. Ich fragte den Fahrer, ob es Accra gehen würde. Ja. Eine Passagierin neben ihm sagte mir, dass ich mich neben sie setzen könnte. Zuerst war ich skeptisch und hielt es für nicht gerade fair, wenn der Weiße eine Extrabehandlung bekäme und sich vordrängeln würde, doch dann brauchte ich auch nicht weiter überlegen, da der Platz dann von einem regulären Mitfahrer belegt worden war.

Ich hatte wenig gegessen aber dafür viel Hunger, musste aber sparsam mit meinem Geld umgehen, da ich etwas knapp für das Wochenende kalkuliert hatte. Ich kaufte mir für 70 Pesewas Bananen und fragte mich dann nach nochmaligem durchrechnen, ob das so einen gute Investition war, wenn ich mit dem verbleibenden Geld nicht wieder nach Hause kommen sollte.

Ich gesellte mich ans Ende der Schlange. Vor mir sammelten nach und nach neun Trotros die schon länger Wartenden ein, bis ich endlich dran kam. Das hatte wieder über eine Stunde in der Sonne gedauert (danke Handtuch!). Wenn man pro Trotro 15 Personen rechnet, waren etwa 135 Leute vor mir...

Die Fahrt ging nach Medina in der Nähe von Accra. Dort erfuhr ich den Preis für das nächste Trotro, wusste dann, dass ich mir noch ein Wasser und eine Orange kaufen konnte und ließ mich anschließend nach Accra und von dort nach Swedru befördern. Am Ende kam ich mit fünf Pesewas zu Hause an.

Montag, 5. März 2012

Obroni, you are working!

Als ich vor Kurzem nach der Schule nach Hause ging, sah ich gerade, wie bei einer Tankstelle neue Tanks in die Erde gelassen wurden. Das war interessant - das musste ich mir ansehen. Und da war ich auch nicht alleine. Die Arbeiter und Zuschauer waren ein bunt gemischter Haufen und jeder stellte sich dorthin, wo er gut sehen beziehungsweise arbeiten konnte. Ich machte gerade ein paar Fotos, als mich ein Mann ansprach und fragte, wo ich denn herkommen würde. Nach meiner Antwort erklärte er mir, dass bei uns ja alles mit Maschinen gemacht werden würde, hier aber Handarbeit angesagt wäre. Ich meinte, dass der neue Tank ja auch mit einem Kran in das Loch gehoben worden war, verstand aber was er meinte.


Ebenso kaufte ich mir in einem Shop neue Seife. Zwei Schülerinnen meiner Schule, die dort auch gerade einkauften, fragten mich, ob die zum Wäsche waschen sei. Ja, wenn meine Wäsche dreckig ist, muss ich sie waschen, meinte ich. Sie fanden es lustig. Wahrscheinlich aus dem Grund, weil ich meine Wäsche selber wasche und niemand anderes für mich macht. Aber warum denn nicht? Wenn ich dann zuhause wasche, kommen manchmal Leute bei uns im Hof vorbei und stellen fest: "Obroni, you are washing." Ja, das ist richtig. Manchmal folgt dann der Hinweis, dass wir zuhause ja eine Maschine dafür nutzen würden. Ja, auch das ist richtig. Da ja aber hier per Hand gewaschen wird, mache ich das auch so, was manche Leute wohl in Staunen versetzt.

Letzten Freitag kam mein Gast-Bruder um 6:30 Uhr in mein Zimmer (bis nächsten Donnerstag habe ich gerade Mid-Term-Holidays), sie bräuchten Hilfe beim Tragen von Rohren, die zu unserem Shop geliefert worden waren. Ich half dabei mit, die Rohre abzuladen. Währenddessen wurde auch gerade etwas in unserem Shop umgebaut und ich half dabei mit, Dinge aus dem entsprechenden Bereich hinauszutragen oder auch mal Zement in ein Auto zu verfrachten. Danach sah man auch, dass ich gearbeitet habe. Beim Rohre Abladen klopfte mir einer auf der Straße mit dem Hinweis, dass mein Hintern dreckig wäre auf selbigen und der nächste Fußgänger erklärte mir gleich "Orboni, you are working!". Da war er nicht der Erste heute. Manche der Menschen benennen hier offensichtlich gerne Offensichtliches :)


Manche Leute scheinen davon auszugehen, dass bei uns wirklich alles mit Maschinen gemacht werden würde und wir gar nicht selber arbeiten könnten. Wenn sie mich dann doch arbeiten sehen, sind sie wohl doch arg überrascht. Aber so sehen sie, dass wir auch selber Hand anlegen können.